| www.ruhrgebietssprache.de Grammatik "Grammatik zeigt Charakter!" Dieser Ausspruch ist voll auf die Ruhrgebietssprache zu übertragen, denn ihre Sprachregelungen spiegeln die wichtigsten Charakterzüge der Menschen an Rhein, Ruhr und Emscher deutlich wider: Geradlinigkeit, Toleranz und Mut zur selbstverantwortlichen Kreativität. Weshalb die hier aufgeführten grundlegenden Regeln denn auch mehr Leit- als Richtlinien sind und trotzdem die Besonderheiten dieser liebenswürdigen Sprache aufzeigen. www.ruhrgebietssprache.de ist ein Service des Verlages Henselowsky Boschmann Bücher vonne Ruhr. Für Ergänzungen und Anregungen schicken Sie uns bitte eine E-Mail. copyright: Verlag Henselowsky Boschmann Bücher vonne Ruhr http://www.vonneruhr.de |
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Die Geschlechter
Wie in der Hochsprache gibt es in der Ruhrgebietssprache drei Wort-Geschlechter: männlich, weiblich und sächlich. Veränderungen treten zumeist im Bereich des Sächlichen auf. Hier werden viele "es"-Auslautungen der Hochsprache zu "et"-Auslautungen. gib es --- gibet manches --- manchet Hauptwörter Hauptwörter benennen Lebewesen, Dinge und abstrakte Sachverhalte. Die Mehrzahl eines Hauptwortes wird in der Ruhrgebietssprache so einfach wie möglich, aber gleichzeitig doch so, daß der Redepartner sie erkennen kann, gebildet. Ein "s" anzuhängen ist besonders dann sinnvoll, wenn die hochsprachliche Mehrzahl umständlich oder strittig ist. Ich muß noch Fenster putzen. --- Ich muß noch Fensters putzen. Die Verkleinerungsform "-chen" wird in der Ruhrgebietssprache durch ein angehängtes "-ken" ausgedrückt. Häuschen --- Häusken Kindchen --- Kindken kleines Gespräch --- Pläuschken Fürwörter Manchmal ist es zu umständlich, Dinge oder Personen immer beim Namen zu nennen. So gibt es kurze Wörter, die sogenannten Fürwörter, die ersatzweise für Hauptwörter stehen können. Persönliche Fürwörter (ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie) Unterschiede zur Hochsprache sind lediglich optional. "sie" wird oft durch "se" ersetzt, "wir" durch "wer". Sie haben ihm das Geld gegeben. --- Se ham ihn de Kohle gegeben. Das haben wir geschafft. --- Dat hamwer geschafft. Besitzanzeigende Fürwörter (mein, dein, sein, unser, euer, ihr) Werden die besitzanzeigenden Fürwörter nachgestellt, kann im Gegensatz zur Hochsprache ein "t" oder ein "et" angehängt werden. Ist das sein Fahrrad? --- Is dat Fahrrad seinet? Das Ding gehört uns. --- Dat Dingen is unsert. Hinweisende Fürwörter (dieses, jenes) Unterschiede zur Hochsprache ergeben sich nur bei der sächlichen Form der Einzahl. Hier wird wiederum ein "t" angehängt. Dieses Haus hat viele Fenster. --- Dieset Haus hat viele Fenster. Jenes Ding mag ich nicht. --- Jenet Dingen mach ich nich. Geschlechtswörter Sie zeigen bestimmt (der, die, das) oder unbestimmt (ein, eine, ein) das Geschlecht des folgenden Hauptwortes an. "der" und "die" werden im Ruhrgebiet oft durch das im Trend der Zeit liegende ungeschlechtliche "de" ersetzt. "ein" wird zu "en", "eine" zu "ne" verkürzt. Der Mann war ein großer. --- De Mann waa en großen. Die Frau war eine kleine. --- De Frau waa ne kleine. Unterschiede zur Hochsprache ergeben sich auch beim Sächlichen. "dat" ersetzt "das". "einet" ersetzt das "eines" des Wessen-Falles. Das Fahrrad gehört mir. --- Dat Fahrrad tut mein sein. Eines Tages gewinn ich mal. --- Einet Tages mach ich ma en Fitsch.. Bindewörter Funktion dieser Wortart ist es, Wörter, Wortgruppen und Sätze zu verbinden. Sie steht in der Ruhrgebietssprache meist allein. Ein Verschmelzungsprozeß findet nicht statt. Ausnahme ist hierbei das "wenn". wenn du --- wennze (wenne) wenn er ---- wenner wenn sie ---- wennse wenn wir ---- wennwer Formale Unterschiede zur Hochsprache ergeben sich hauptsächlich bei "wie/als" und "dass/das". Spitzfindige und oftmals unsinnige Unterscheidungen vermeidet die Ruhrgebietssprache. "wie" kann also "als" in jeder Position ersetzen. Er ist älter als ich. ---- Er is älter wie ich. Als ich sah, ging es mir gut. ---- Wie ich pillerte, ginget mich gut. In kluger Vorwegnahme einer weiteren Rechtschreibreform macht die Ruhrgebietssprache schon immer die unsinnige Unterscheidung zwischen "dass" und "das" nicht mit, sondern setzt für beide "dat". Ich weiß, daß ich nichts weiß. ---- Ich weiß, dat ich nix kennen tu. Ein Haus, das mir gehört. ----En Häusken, dat mein sein tut. Verhältniswörter Diese Wortart - auch Präpositionen oder "Präppos" genannt leitet oft Orts- oder Zeitangaben ein und steht vor einem Hauptwort oder einem Fürwort. Klemmt sich noch ein Geschlechtswort dazwischen, so findet oft ein Verschmelzungsprozess statt. in das Haus ---- innet Haus hinter dem Tor ---- hintert Tor bei dem Vater ---- beien Vadder auf die Kirmes ---- aufe Kirmes aus dem Haus ---- aussen Haus für die Frau ---- füre Frau an dem Tisch ---- annen Tisch Ein nur im Ruhrgebiet verbreitetes Sprachphänomen wurde jüngst von einer heute in Hamburg lebenden "eigentlich Gelsenkirchenerin" entdeckt: Präppos doppelt gemoppelt Ich gehe in den Garten -- Ich gehe im Garten rein Komm zur Oma -- Hierzu wurde in einer E-Nachricht kritisch angemerkt, das das Komm nache Omma hin eher den Aufruf zur Wochenendreise nache Omma enthalte, deutlich häufiger zu hören sei "komm bei Omma bei", wenn die Omma beispielsweise den Nachwuchs auf dem Spielplatz zusammenruft. Ob Zue, ob Beie is einerleie Beide Verhältniswörter weisen in eine Richtung uns sind im Rurhdeurschen austauschbar. Ich geh zue Omma = Ich geh beie Omma Ausnahme: Komm zu mich zu = Komm etwas näher Komm bei mich bei = Komm ganz nah an mich heran Tuwörter Tuwörter bezeichnen eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand, und das Schwierige an ihnen ist, daß sie verschiedene Zeiten und sogenannte Aktionsformen bilden können. Mit ihnen kann man Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ausdrücken; sie zeigen, ob man selbst aktiv etwas tut oder ob man passiv etwas erleiden muß. Die Ruhrgebietssprache entledigt sich dieser Schwierigkeiten, indem sie lediglich festlegt: so einfach wie möglich, aber doch so, daß der Gesprächspartner den Zusammenhang versteht. Die häufigsten und sinnvollsten Zeitstufen sind Gegenwart und Vergangenheit. Diese kann das Tuwort ganz alleine bilden. Unterschiede zur Hochsprache liegen nur in der ich- und du-Person vor, wo das auslautende "e" bzw. "t" wegfallen. ich schreib --- ich schrieb du schreibs ---- du schriebs er schreibt --- er schrieb sie (se) schreibt ---- sie (se) schrieb et schreibt --- et schrieb wir (wer) schreiben --- wir (wer) schrieben ihr schreibt --- ihr schriebt sie (se) schreiben --- sie (se) schrieben Um all ihre weiteren Zeiten - vollendete Gegenwart, vollendete Vergangenheit, Zukunft, vollendete Zukunft - zu bilden, benötigen die Tuwörter einige Helfer, die alleine oder zu zweit auftreten: sein, waren, werden, haben und hatten. Das Tuwort selbst wird dann einfach in einer Grundform angehängt. ich bin ---- ich waa ---- ich werd du biss ---- du waas --- du wirs er is/tut sein --- er waa --- er wird sie (se) is/tut sein --- sie (se) waa --- sie (se) wird et is/tut sein --- et waa --- et wird wir (wer) sind --- wir (wer) waan --- wir (wer) werden ihr seid --- ihr waat --- ihr wert sie (se) sind --- sie (se) waan --- sie (se) werden ich hab --- ich hatt du hass --- du hattes er hat /tut ham --- er hatte sie (se) hat/tut ham --- sie (se) hatte et hat/tut ham --- et hatte wir (wer) ham --- wir (wer) hatten ihr habt --- ihr hattet sie (se) ham --- sie (se) hatten Sind Fürwörter einem Tuwort nachgestellt, in einem Fragesatz zum Beispiel, so findet wiederum ein Verschmelzungsprozeß statt. Nur das "ich" bleibt immer allein, da es deutlich herausgehoben und betont werden will. stehe ich --- steh ich stehst du --- stehsse steht er --- stehter steht sie --- stehtse steht es --- stehtet stehen wir --- stehnwer steht ihr --- stehter stehen sie --- stehnse Der Bereich der Tuwörter verfügt - in sinnvoller Erweiterung der Hochsprachengrammatik - über zwei Sonderformen. Verlaufsform: Ähnlich wie in der englischen Sprache ist es im Ruhrgebiet möglich, das Andauern, die Spanne einer Handlung zu verdeutlichen. Dieses bewerkstelligt ein eingeschobenes "am". Normalform Verlaufsform ich schlafe gerade ich bin am schlafen ich überlege ich bin am überlegen Handlungsintensitator: Um Handlung als solche in ihrem tuenden Charakter sprachlich zu unterstützen, kann eine Form von "tun" in die Verbform eingefügt werden. Oft passiert das in der 3. Person Einzahl. er geht ---- er tut gehn se spielt ---- se tut spielen Besonderheiten der Schreibung Um spezifische Besonderheiten der Ruhrgebiets-Sprechsprache auch in der Schriftsprache zu betonen, gibt es eine Reihe von Veränderungen gegenüber der Duden-Schreibung. Aber auch hier gilt zu allererst die Regel der Toleranz, so daß diese Veränderungen als optional anzusehen sind. Ein Gebrauch erscheint allerdings in vielen Fällen sinnvoll. Das wecke R Bei der Schreibung vieler Wörter kann, wenn der Schreiber es will, ein auslautendes "r", d.h. ein "r" am Ende eines Wortes, weggelassen und durch eine Verdopplung des vorhergehenden Vokals ersetzt werden. Hochsprache Ruhrgebiet sogar --- sogaa war --- waa Innerhalb von Wörtern kann das "r" sogar ersatzlos wegfallen oder durch eine Verdopplung des folgenden Konsonanten ersetzt werden. Hochsprache Ruhrgebiet Herbert --- Hebbert hör mal --- hömma Das mittig im Wort wecke “r” wird gerne durch einen “a” Laut ersetzt: Kirche Ki-a-che Schirm Schi-a-m Wurst Wu-a-st etc. Das möglicherweise wecke E Bei Tuwörtern kann bei en-Endungen das "e" weggelassen werden, um die im Revier geläufige Aussprache zu betonen. wir gehen --- wir gehn sie verstehen --- sie (se) verstehn Das gestrichene E Um dem Trend nach Sprachschnelligkeit nachzukommen, trotzdem aber exakte Aussagen formulieren zu können, wird bei einer Reihe von Wörtern das auslautende, unbetonte "e" gestrichen. heute --- heut Freude --- Freud Der verschluckte L Im Auslaut von Wörtern wird das "l" oft einfach verschluckt und verschwindet somit, ohne irgendwie ersetzt zu werden. manchmal --- manchma tu mal --- tuma Das überflüssige T Um die Flüssigkeit von Rede und Schreibe zu garantieren, wird das "t" nach dem "s" in vielen Wörtern überflüssig. erst --- ers erst mal --- ersma Das verdehte T Bei einigen Wörtern wird das "t" verdeht, d.h. durch ein "d" ersetzt. In einigen Fällen ist sogar ein Doppelverdehung zu erkennen. Hochsprache Ruhrgebiet Vater --- Vadder Mutter --- Mudder Das verschluckte englische T Nach kurzem Vokal und vor "l" wird das "t" durch den Kehlkopfverschlusslaut verschluckt. Sa'l - Sattel Ze'l - Zettel Wie im Englischen: wha''s tha' - what's that. Das variable G Es ist einem Schreiber freigestellt, ob er das weiche, auslautende "ch", entgegen der Schreibung in der Hochsprache, als "ch" oder regelgerecht als "g" darstellt. In diesem Buch wurde das Ersetzen von "g" durch "ch" nur auf wenige prägnante Fälle beschränkt. er fragte --- er frachte er sagte --- er sachte Tag --- Tach Mittag --- Mittach Das gegehte J Um sich ganz klar und deutlich vom sog. "Kölner Dialekt" (jeff mi statt geb mich) abzugrenzen, kehrt die Ruhrgebietssprache diesen um und macht in einigen Wörtern aus dem J ein G jetzt -- getz(t) Jesus -- Gesus Jansen -- Ganzen Das eingeschobene S Um den Sprachfluß zu beschleunigen und Sprachidentität zu bezeugen, wird bei einigen charakteristischen Wörtern ein "s" in die zentrale Silbenverbindung eingeschoben. Bratkartoffeln --- Bratskatoffeln meinetwegen --- meintswegen Teile dieser Grammatik wurde dem "Lexikon der Ruhrgebietssprache" entnommen. copyright: Verlag Henselowsky Boschmann, Bottrop, http://www.ruhrig.de |